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02.04.2017

Bedeutung und Nutzung von Außenräumen

In unserer Titelreihe "Menschen - Räume - Emotionen" betrachten wir in 4 Ausgaben unseres Lightletters den öffentlichen Raum aus ganz unterschiedlichen Sichtweisen.

Interview

Über die Bedeutung und Nutzung von Außenräumen haben wir mit Tobias Wallisser gesprochen

Architekt und Professor für Entwerfen Architektur und innovative Bau- und Raumkonzepte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart

Hess

Herr Wallisser, welche Bedeutung haben öffentliche, urbane Räume und Plätze im Außenbereich für Menschen?

Wallisser: Öffentliche Räume stellen das Bindeglied dar, das Städte und Dörfer zusammenhält. Wir als Architekten haben die Aufgabe, ein privates Inneres von einem öffentlichen Äußeren abzutrennen. Wir bauen Schutzräume, das sind die Gebäude, mit der Funktion, den Privatbereich von etwas anderem zu separieren. Diese Privatbereiche teilen öffentliche Bereiche, wie Wege und Plätze.

Von der kommunikativen Seite betrachtet sind die Plätze am interessantesten – dort wo Straßen und Wege zusammenkommen und sich Menschen begegnen. Ihre größte Qualität liegt darin, dass diese Begegnungen ungeplant ablaufen. Urbane Qualität, die wir alle sehr schätzen, entsteht daraus, dass es niemanden gibt, der von vorne herein alles choreographiert. Dieses zufällige Aufeinandertreffen von Menschen und zugleich die Nutzungsvielfalt sind das, was wir am öffentlichen Leben so schätzen. Insofern glaube ich, dass für die Lebensqualität, die wir gerade Städten zuweisen, die öffentlichen Räume das Allerwichtigste sind.

In seinen eigenen Räumen ist jeder seines Glückes Schmied. Dort kann die Tapete, der Teppichboden oder das Mobiliar ausgetauscht werden – das geht im öffentlichen Raum nicht. Der öffentliche Raum ist das, was mit anderen Menschen geteilt wird, wo die Gemeinsamkeit stattfindet. Also zwischen der Kontrolle, die man selber über einen gewissen Bereich hat und diesem „Sich-Treiben-Lassen“ liegt die Qualität, die öffentliche Räume haben sollten.

Sobald Menschen einen Raum annehmen und nutzen, kommen weitere hinzu. Der Mensch ist eben ein soziales Wesen. Räume, die jeden Tag und jede Stunde ihr Gesicht verändern sind richtig spannend.

"Der öffentliche Raum ist das, was mit anderen Menschen geteilt wird."

Für die Stadtplanung spielen Räume und Plätze eine tragende Rolle. Kann man hier von einer „Wiederentdeckung des öffentlichen Raumes“ sprechen?

Wallisser: Es ist wichtig festzuhalten, dass Außenräume, auch wenn sie nicht in privater Hand sind, trotzdem geplant werden. Hierfür gibt es die Stadtplanung. Sie ist eine gesellschaftliche Verantwortung, die in der Hand der Kommunen liegt. Die Wiederentdeckung des öffentlichen Raumes ist eher eine wiederentdeckte Verantwortung der Stadtplanung für den öffentlichen Raum.

Für die Menschen waren öffentliche Räume immer wichtig. Aber man hat – vielleicht zu lange – die städtischen Räume nicht als ein zusammenhängendes Gefüge betrachtet bzw. nur aus Sicht des Automobils.

Städte konkurrieren um Touristen, aber natürlich auch um Einwohner. Auch in Europa und vor unserer Haustüre gibt es den Trend, dass gewisse Städte boomen, weil sie attraktiv sind. In diesen Städten tragen öffentliche Räume, sprich repräsentative Plätze, Spielflächen oder große Parks als grüne Lunge, wesentlich zur Attraktivität bei. Wenn eine Stadt für Arbeitnehmer attraktiv sein möchte, muss sie sich auch darum kümmern, Konzepte für qualitativ hochwertige städtische Außenräume zu entwickeln.

Wann empfinden Menschen öffentliche Räume attraktiv?

Wallisser: Auf der einen Seite gibt es Grundkonstanten, wann sich Menschen wohlfühlen. Diese sind über alle Gesellschaftsformen und Kontinente hinweg ähnlich. Dazu gehören die Atmosphäre eines Ortes und die Natur, aber auch kulturell geprägte Vorlieben und klimatische Rahmenbedingungen.

Attraktivität entsteht durch Nutzung. Der öffentliche Raum ist nicht nur attraktiv, weil er schön anzusehen ist, sondern weil ich ihn als Nutzer selbst in Beschlag nehmen, ihn selber aktivieren und erschließen kann. Sie sehen, Aufenthaltsqualität und Wohlfühlambiente finden sich sowohl in Gebäuden als auch im öffentlichen Raum.

Wichtig ist die emotionale Komponente, wie die Atmosphäre, das Sehen und Gesehen werden. Der öffentliche Raum versteht sich als Bühne, die man nutzen kann. Auf der anderen Seite möchte man Rückzugsgebiete haben, in denen aus sicherer Umgebung beobachtet werden kann, was passiert.

Und die Natur spielt eine wichtige Rolle, in dem sie für eine ruhige Ausstrahlung, gute Luftqualität und Wohlgefühl sorgt. Eine ansprechende Gestaltung basiert darauf, all diese Dinge rational zu untersuchen und zu planen.

Dadurch gelingt es, eine starke emotionale Ausstrahlung zu schaffen, so dass niemand mehr darüber nachdenkt, welche rationale Planung dahinter steht. Genau das ist für mich das Spannende an der Architektur: Dinge wirken, wie wir das aus einer natürlichen Umgebung kennen, sie sind aber durchaus geplant. In diesem Sinne ist die beste Planung diejenige, die der Nutzer überhaupt nicht wahrnimmt.

Spazieren und ausspannen: Der Park am Gleisdreieck in Berlin bietet dazu reichlich Gelegenheit.

Wie kann die Attraktivität durch innovative Planung hervorgehoben werden und wo wurde das aus Ihrer Sicht perfekt umgesetzt?

Wallisser: Die spektakulärsten öffentlichen Räume sind daraus entstanden, dass die Geschichte des Ortes transformiert worden ist. Die Planer haben seine Geschichte als Anknüpfungspunkt genommen, an ihm weitergearbeitet und ihn mit allen zur Verfügung stehenden modernen Mitteln zu etwas ganz Besonderem weiterentwickelt.

Die Innovation liegt darin, an das Bestehende anzuknüpfen und in etwas Neues zu transformieren. So nimmt der Betrachter einen vertrauten Ort als etwas Aufregendes mit neuen Möglichkeiten wahr.

Mir persönlich gefällt die Planung für den Park am Gleisdreieck in Berlin, weil dort alle Entwicklungsphasen des Ortes bis heute wahrnehmbar sind. Früher war hier ein Bahnhof, dessen Schienen bis heute sichtbar sind – und heute wachsen dazwischen Birken. Sie sehen einerseits die industrielle Vergangenheit und andererseits wie der Ort nach der Stilllegung wild überwuchert worden ist. Heute ist daraus ein Platz für die neu entstandene Wohnungsbebauung in der Umgebung geworden – mit Spielplätzen, Liegewiesen und Picknickzonen. Die Vielschichtigkeit eines solchen Ortes finde ich faszinierend.

Ähnlich ist es bei der Hafencity in Hamburg: Die industrielle Vergangenheit ist mit alten Kränen und Gleisen immer noch allgegenwärtig. Gleichzeitig wurde mit Parks, grünen Freiräumen und Sitzterrassen am Ufer der Elbe ein neues Angebot für Mensch und Familie geschaffen.

Hafencity in Hamburg: Ein sonniges oder schattiges Plätzchen - an den Uferterassen nicht nur wegen der herrlichen Aussicht begehrt.

© HafenCity Hamburg GmbH/ELBE&FLUT (3)

Wie kann Licht diese Räume erlebbar machen?

Wallisser: Licht ist sehr wichtig für uns, denn der Mensch nimmt seine Umwelt hauptsächlich über das Sehorgan wahr. Und bei Dunkelheit brauchen wir Licht, um uns zu orientieren. Wir brauchen Licht, um den Weg zu finden und um Hindernisse zu erkennen.

Auf der anderen Seite erfüllt Licht atmosphärische Anforderungen – da sind wir wieder bei einem kulturell geprägten Thema. Wie hell etwas sein darf, um sich wohl zu fühlen, ist von Kultur zu Kultur und von Stadt zu Stadt unterschiedlich.

Als Planer müssen wir mit diesen Unterschieden umgehen und überlegen: benutzen wir direktes oder indirektes Licht und wo setzen wir Akzente. Denn bei Nacht schaffen wir den Raum nahezu ausschließlich über das Licht. Auch die räumliche

Wirkung – ob ein Raum weit oder doch eher bergend wirkt – kann stark über das Licht beeinflusst werden. Zudem hängen der Einsatz und die Intensität von Licht auch wesentlich von der Nutzung und den Nutzern des öffentlichen Raumes ab.

„Für die Lebensqualität in Städten sind öffentliche Räume das Allerwichtigste.“

Hess

Gibt es neben Licht noch andere Komponenten, um einen Raum erlebbar zu machen?

Wallisser: Über das Sehorgan hinaus können auch andere Sinnesorgane, wie beispielsweise das Gehör durch den Einsatz von Schall angesprochen werden. Das wird im Moment viel zu wenig eingesetzt. So könnten Orte entstehen, die sich durch unterschiedliche Schallintensitäten unterscheiden. Etwa ein „Ort der Stille“ in einer lauten Stadt – das würde eine unglaubliche Entspannung generieren.

Oder ein Ort der bewussten Beschallung, wie beispielsweise am Flughafen Zürich. Wer dort mit dem unterirdischen Shuttle zum Terminal unterwegs ist, hört auf der Fahrt Kuhglocken und Alphörner – so wird selbst aus einem langweiligen U-Bahn-Tunnel ein Ort, an den man sich noch lange und mit einem Augenzwinkern erinnert.

Auch Unternehmen haben verstärkt das Wohlbefinden der Mitarbeiter im Blick. Welchen Beitrag leistet eine ansprechende Freiraumgestaltung zur Attraktivität eines Unternehmensstandortes?

Wallisser: Ein ganz wichtiger Aspekt ist die Stimulation im Sinne von unterschiedlichen Anregungen. Um kreativ zu arbeiten, braucht man den Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung. Und Entspannung kann zum Beispiel sein, wenn man aus dem Büro auf einen Wald oder etwas Natürliches blickt.

Besteht dann noch die Möglichkeit, in den Außenraum zu gehen oder Besprechungen unter freiem Himmel abzuhalten, ist das eine sehr angenehme Arbeitsumgebung. Und auf dem Weg zwischen Büro und Freiraum würde man sich bereits erholen. Die Grenzen zwischen Innen und Außen, Arbeit und Freizeit, werden überall fließender.

Es geht darum, Arbeitnehmern ein attraktives Angebot zu bieten, damit ein Teil der Arbeit auch draußen erledigt werden kann. Telefonate kann man wunderbar draußen führen. Es wird immer mehr dazu kommen, dass Außenräume nicht nur als Parkfläche, sondern als Teil eines Gesamtkonzeptes betrachtet werden, die für unterschiedliche Nutzungen zur Verfügung stehen.

„Ein Trend ist, die Besonderheit vorgefundener Räume in die Neugestaltung einfließen zu lassen.“

Welche Entwicklungen und Trends in der Freiraumgestaltung sind bereits heute erkennbar?

Wallisser: Ein Trend ist, die Besonderheit vorgefundener Räume in die Neugestaltung einfließen zu lassen. Ziel sollte eine Verschmelzung von unterschiedlichen Aspekten sein, wie die historische Prägung dieser Orte mit Grün- und Naturelementen und einer Multifunktionalität, damit diese Bereiche vielseitig genutzt werden können – ob für einen Kindergeburtstag oder eine Firmenfeier.

Die Gestaltung sollte vielseitige Nutzungsmöglichkeiten für unterschiedliche Anlässe bieten. Das regt die Nutzer an, sich diese Räume für ihre eigenen Bedürfnisse zu erschließen. Der High Line Park in New York ist hierfür ein wunderbares Beispiel. Aus der ehemaligen Güterbahnlinie im Westen von Manhattan ist schrittweise ein beliebter öffentlicher Park entstanden, der den Blick auf den Verkehr und das Stadtleben freigibt.

Den Planern und Architekten ist es gelungen, auf einem engen Grundriss abwechslungsreiche Aufenthaltsorte innerhalb eines Kontinuums zu schaffen. So kennen wir das auch aus der Natur.

Ein Platz zur Entspannung mitten in New York: Der High Line Park

© High Line Park / Iwan Baan

Sie betreuen Projekte auf der ganzen Welt und waren mehrere Jahre unter anderem in Amsterdam und New York tätig. Wie sieht die Gestaltung von (urbanen) Räumen im interkulturellen Kontext aus?

Wallisser: Für die Freiraumgestaltung spielen insbesondere geografische und kulturelle Kriterien eine Rolle. Außenraum im Wüstenklima stellt ganz andere Anforderungen an das Wohlfühlambiente, als beispielsweise das Klima in Nordeuropa. Entsprechend nehmen Aspekte wie Sonnenschutz, Steuerung von Luftfeuchtigkeit und Kühlung in heißen Klimaregionen einen hohen Stellenwert ein. In Nordeuropa sind die Sonnenstunden seltener, daher zieht es die Menschen gerade an Plätzen mit Cafés und Sitzmöglichkeiten in die Sonne.

Dann spielt auch noch die Kultur eine Rolle – also wer wen sehen darf und welche Funktion dem öffentlichen Raum zugewiesen wird. Wichtig ist der Kontext, in dem ein öffentlicher Raum gestaltet wird. Und wichtig ist, dass er komfortabel und vielseitig nutzbar ist und den Menschen, wie bereits erwähnt, eigene Interpretationsmöglichkeiten eröffnet.

Vielen Dank für das Interview, Herr Wallisser.

Tobias Wallisser: Zur Person

Tobias Wallisser ist 1970 in Freiburg geboren und hat in Berlin, Stuttgart und New York Architektur studiert. Von 1997 bis 2007 arbeitete er für das renommierte Architekturbüro „UNStudio“ von Ben van Berkel und Caroline Bos in Amsterdam, wo er im Jahr 2001 die Stelle als Creative Director übernahm. Als Projektleiter war er unter anderem für das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart verantwortlich, für das er mit dem Deutschen  Architekturpreis 2008 sowie dem Hugo-Häring-Preis 2009 ausgezeichnet worden ist.

Parallel zur seiner Tätigkeit im „UNStudio“ wurde Tobias Wallisser im Jahr 2006 als Professor für Entwerfen Architektur/ Innovative Bau- und Raumkonzepte an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart berufen. Dort unterrichtet er bis heute. Sein Augenmerk gilt ganzheitlichen Gestaltungskonzepten für Gebäude und öffentliche Bereiche, die einen engen Bezug zur Natur haben und sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren.

Im Jahr 2007 gründete der Architekt mit seinen Kollegen Chris Bosse und Alexander Rieck das Architekturbüro „ LAVA – Laboratory for Visionary Architecture“ mit Niederlassungen in Stuttgart, Berlin und Sydney. 2016 wurde das Büro mit dem ‚European Prize for  Architecture‘ für seinen Beitrag zu einer zukunftsweisenden Architektur ausgezeichnet.

Tobias Wallisser ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in Berlin.

 

Weitere Informationen zu Tobias Wallisser erhalten Sie unter:

LAVA (Laboratory for visionary architecture)

European Centre for Architecture Art Design and Urban Studies

Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart

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