„Smart City von heute und morgen“

Design in urbanen Räumen

Die Titelreihe „Smart City von heute und morgen“ beleuchtet die smarte Stadt am Beispiel des öffentlichen urbanen Raums. Nach den Schwer-
punkten „Licht“ und „Multifunktion“ widmet sich diese Ausgabe dem „Design“. Welche Bedeutung eine ansprechende (smarte) Freiraum-
gestaltung für ein lebenswertes städtisches Umfeld hat und warum diese in Zeiten einer hoch technisierten Gesellschaft so immens wichtig für Mensch und Umwelt ist, erfahren Sie in dem Interview mit dem Landschaftsarchitekten AW Faust.

Urbane Freiräume: Ausdruck für Stadt- und Umweltqualitäten

Freiräume sind für die urbane Lebensqualität von großer Bedeutung. Ihre Vielfalt reicht von Innenhöfen, Gärten,
begrünten Gebäudeflächen über quartiers- und stadtteilbezogene Freiflächen wie Plätze und Straßenräume bis hin zu großen Parkanlagen.

Diese öffentlichen Freiflächen sind in den Stadtraum sowie in das Wohn- und Arbeitsumfeld der Menschen integriert und erfüllen soziale, ökologische, kulturelle und identitätsstiftende Funktionen. Als bevorzugte Orte der Begegnung, der Kommunikation, der Erholung und der Aktivität ermöglichen sie unterschiedliche Nutzungen – für alle Generationen.
Eine standortgerechte und ortstypische Bepflanzung trägt darüber hinaus zu einem gesunden Stadtklima bei, erhält die Biodiversität, unterstützt die Reinhaltung der Luft und damit letztlich auch das Wohlbefinden der Bewohner.

Wertfaktor für smarte Städte

Hohe Freiraumqualitäten stellen auch für die Städte selbst einen entscheidenden Wertfaktor dar: Gepflegte öffentliche Räume mit einladenden Sitz- und Aufenthaltsmöglichkeiten wirken sich gewinnbringend auf die Attraktivität und das Image einer Stadt aus.
Im Wettbewerb untereinander profilieren sich Städte zunehmend auch über ansprechend gestaltete Freiräume. Sie kommen dem Wunsch nach einer naturnahen Umgebung inmitten der Stadt nach und laden als Bühne des öffentlichen Lebens das ganze Jahr über zum gemeinsamen Miteinander ein.

Stärkere Nutzung in wachsenden Städten

Besonders in Ballungsräumen nimmt die Nutzung von urbanen Freiräumen zu. Der anhaltende Bevölkerungsanstieg führt zu einem steigenden Bedarf an Siedlungsflächen – städtische Strukturen werden vielerorts nachverdichtet oder von Beginn an räumlich kompakter konzipiert. Dadurch werden Freiflächen knapper, aber von immer mehr Menschen auf unterschiedliche Art und Weise genutzt.
Schließlich machen sich auch die Folgen des Klimawandels in der intensiveren Nutzung der Freiräume bemerkbar: mildere Durchschnittstemperaturen und vermehrt auftretende Wärmeperioden verlängern den Aufenthalt der Stadtbewohner im Freien bzw. laden geradezu dazu ein, sich auf öffentlichen Plätzen zu treffen und das Leben in Freiräume zu verlagern. Heißt: Der Bedarf an Plätzen, die benötigt werden und den entsprechenden Rahmen bilden, steigt.

Smarte Einbindung von Grün- und Freiräumen

Wie werden diese Freiflächen in eine tragfähige, smarte Stadtentwicklung eingebunden? Die differenzierten Ansprüche erfordern in der Praxis eine multifunktionale Freiraumentwicklung und ein erweitertes Verständnis des Begriffes „smart“ im Sinne von vielfältig erlebbaren Freiräumen. Eine nachhaltige und ästhetische Gestaltung im Einklang mit den Elementen der Natur schafft attraktive Erlebnisräume, die zum einen unterschiedlichste Funktionen erfüllen und zum anderen die Menschen emotional ansprechen. Eine naturnahe Umgebung wirkt sich wie kaum ein anderes Element positiv auf das subjektive Befinden aus und erhöht das Wohlgefühl.
So sind urbane Freiräume die Hoffnungsträger von smarten Städten. Ihre möglichst mehrdimensionale Gestaltung lässt Stadt und Landschaft miteinander verschmelzen und vermittelt eine urbane Qualität, nach der sich viele Stadtbewohner sehnen.

Experten-Interview

AW Faust
SINAI Gesellschaft von Landschaftsarchitekten mbH, Berlin

Im Gespräch mit AW Faust über die Bedeutung und Wichtigkeit von smarten Außenräumen im Kontext einer Smart City.

Der „Smart-City“-Ansatz als Konzept einer lebenswerten und nachhaltigen Stadt setzt sich zunehmend durch. Was bedeutet das für Sie?

Faust: Betrachten wir beide Wörter für sich – Smart und City. City steht für mich für eine städtische Lebensform. So schön das Leben auf dem Land auch ist, so halten wir das Leben in der Stadt doch für die potentiell nachhaltigste Art zu leben.
Städte mit kurzen Wegen ermöglichen einen zukunftsfähigen Lebensstil. Wir wollen das Leben in der Stadt attraktiv und schön gestalten und wir wollen die Ökonomie, die dem innewohnt, ausschöpfen. Und das bringt uns zum Begriff „smart“.
Unter „smart“ verstehe ich erstmal schlau oder clever. Ich übersetze es folgendermaßen: Ich mache das Beste aus meinen Möglichkeiten. Ich versuche, das Allerbeste aus jeder Situation herauszuholen und das hat natürlich wieder etwas mit Ökonomie oder Effizienz zu tun.
Wir haben unter dem Begriff „smart“ häufig eine sehr technikaffine Lesart. Smarte Städte sind gleichbedeutend mit Städten, die intensiv vernetzt sind, die von kommunizierenden Systemen leben – etwa in der Mobilitätsfrage oder in der Art wie Energie beim Wohnen und Leben verbraucht wird.
Wir wollen den Begriff „smart“ jedoch durchaus anders interpretieren.
Beispiel Smartphone: Für mich eine absolut faszinierende Erfindung – jedoch weniger unter technischen Aspekten, sondern vielmehr, weil ein Smartphone ein „Werkzeug“ ist, welches absolut universell verwendbar ist – und das bei einer geringen Größe. Diese Universalität, diese übergreifende Nutzbarkeit, stellen wir uns heute auch bei Freiräumen vor.
Wir stellen uns Räume vor, die so wichtig sind, dass sie nicht nur eine Aufgabe übernehmen, sondern ganz viele. Das verstehen wir unter „smart“.

Wie definieren Sie als Landschaftsarchitekt den Begriff „Freiraum“?

Faust: Ganz salopp: Freiraum ist das, was übrig bleibt, wenn alle dreidimensionalen Objekte weg sind. Und das ist in seiner Primitivität wie ich finde, trotzdem ein revolutionärer Ansatz.
Bis vor kurzem waren wir es gewohnt, Stadtplanung als eine Art „parzellierten Flickenteppich“ zu interpretieren, wo wir darauf warten, dass uns eine Fläche zugewiesen und diese dann in irgendeiner Form gestaltet wird.
Eigentlich sollte man jedoch jede einzelne Stelle in einer Stadt auf den Prüfstand stellen und sich fragen: Was könnte diese Stelle noch leisten?
Nehmen wir ein Beispiel, das auf viele größere Städte zutrifft: Die Räume unter den Brücken. Da wird etwas produziert, was in keinem Lageplan und in keinem Luftbild sichtbar ist, aber jeden der unmittelbar daran angrenzt, freut oder ärgert. Das sind Räume, die nicht ganz einfach zu gestalten und per se nicht sehr attraktiv sind.
Dennoch existieren diese Räume und man sollte sie nicht einfach so liegen lassen. Es lohnt sich, zu fragen: Was kann dieser Raum für die Natur, für den Menschen, für das Klima und das Wasser hergeben? Diese vier Kategorien sollte man auf jeder Checkliste stehen haben,wenn man so eine Flächendurchforstung vornimmt.

Welchen Stellenwert hat dieser Freiraum heute und in zukünftigen „smarten Stadtstrukturen“?

Faust: Zum einen sind wir daran gewöhnt, wie ich es mit den Kategorien eben angedeutet habe, Freiräume als Lebensraum für Pflanzen und Tiere und im Wirkungsgefüge des Klimas sehr wissenschaftlich anzugehen. Das ist richtig so und drückt sich im Monsterbegriff der „grünen Infrastrukturen“ aus, mit dem wir gerade konfrontiert werden.
Quasi ein neuer Hebel, um Freiräumen in der Stadt – neben den technischen und Verkehrsinfrastrukturen – eine gewisse Geltungsmacht zu verschaffen. Wichtiger und nicht zu vergessen ist aber, dass Freiräume eine ganz wesentliche Rolle dabei spielen, den Menschen in seiner Verfassung und Befindlichkeit positiv zu beeinflussen.
Freiräume vermitteln ein Lebensgefühl. Sie entschädigen die Menschen ein Stück weit für das Leben in der Stadt, sie verführen und sind ein angenehmes Ausgleichsmedium. Es ist spürbar, wie Menschen von den Bedingungen einer sehr
hoch technisierten Leistungsgesellschaft einerseits fasziniert sind, andererseits aber in einem steten Überforderungsmodus leben.
Und da glauben wir schon, dass wir mit dem Freiraum Möglichkeiten haben, kontrastierende Erlebnisräume anzubieten. Erlebnisräume, die man im digitalen und auch im geschlossenen Raum nicht haben kann.
Wir müssen eine emotionale Ebene ansprechen. Und diese emotionale Ebene – die mit dem Begriff der atmosphärischen Wirkung von Räumen verbunden ist – ist ein Sektor, den wir zunehmend bewusst kommunizieren wollen.
Wir müssen dafür sorgen, dass das Leben in unserer Gesellschaft attraktiv und produktiv im Sinne eines menschlichen Austausches bleibt. Dafür sehe ich die Freiräume in der Verantwortung.

Wie beeinflusst eine durchdachte Gestaltung des Freiraums die Lebensbedingungen im städtischen Umfeld?

Faust: Es gibt zwei Wahrnehmungsebenen, die man bedient, wenn man sich durch die Stadt bewegt: Die eine ist eine fokussierte, die andere eine beiläufige Wahrnehmungsebene.
Das Fokussierte ist das, was man mehr oder weniger als Folge bewusster Bilder vor dem inneren Auge wahrnimmt und auch mehr oder weniger bewusst kommentiert. Daneben gibt es das Beiläufige – die kontinuierliche Wahrnehmung und Verarbeitung von Signalen aus dem Umfeld, welches sich zu einem Mosaik oder einem Kaleidoskop von Eindrücken zusammensetzt. Und ohne dass ich jetzt Humanbiologe oder Neurologe bin, weiß ich aus eigener Erfahrung, dass wir ununterbrochen mit Mischwahrnehmungen dieser Art zu tun haben. Diese Wahrnehmungen können wir mit unseren Werkzeugen versuchen zu steuern und mit unseren Gestaltungsmitteln versuchen einzupegeln.
Wenn wir planen, sprechen wir in unserem Büro immer über das Programm, über den Raum und seine Gestalt sowie über die Atmosphäre. Diese Aspekte hängen zusammen und korrespondieren auch miteinander.
Atmosphäre kann sowohl durch Gestaltung entstehen als auch durch Programm. Programm heißt: Was passiert hier eigentlich? Welchen Nutzen soll dieser Ort erfüllen? Es ist die Vorgabe des Auftraggebers oder einer Stadt, welchen Zweck dieser Freiraum durch die Gestaltung erfüllen soll.
Ein Beispiel: Ich wünsche mir einen ansprechenden Sportpark für Jugendliche und Familien. Als Gestalter würde ich fragen, welche Erwartungshaltung haben Jugendliche und Familien an einen Park, der sie aktiviert und ihnen Spaß macht? Das ist das, was naheliegend ist. Das ist vielleicht ein Ort, der mit offensiver Gestaltung, mit frischen Farben und auch mit schrägen Formen arbeitet. Aus dem Programm kann man Rückschlüsse und Vorschläge für die Gestaltung finden.
Umgekehrt ist es aber so – und da wird es genauso spannend – dass die Funktion dieses Raums auch Teil seiner Gestaltung und seiner Atmosphäre wird. Wir werden uns immer gut überlegen, wo zum Beispiel eine Skatearena in einem Park sein soll. Nicht nur, weil sie laut ist und nicht neben dem Wohnviertel sein soll, sondern weil es für viele Menschen ein sehr attraktiver Ort ist.
Mit der Platzierung einer sehr attraktiven Funktion kann man das Wirkungsgefüge eines Parks eröffnen, indem man sagt: Was passiert wo? Wie lädt sich gegenseitig Stimmung auf?

Wann empfinden Sie einen öffentlichen Freiraum als attraktiv?

Faust: Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal finde ich Freiräume völlig überraschend attraktiv, wo ich gar nicht damit rechne.
Ganz allgemein gefallen mir Freiräume, die mit sich im Reinen und ganz authentisch sind. Ich finde einen alten Obstgarten schön, aber auch einen alten Stadtplatz.
Ich finde nachts aber auch eine Tankstelle schön. Wenn das in seiner Gestimmtheit und in seiner Gestaltung gut gemacht ist und ein bestimmtes Gefühl vermittelt. So verbindet man eine Tankstelle oft mit Reisen, Fernweh oder auch mit Nachhause kommen – und dann kann das ein guter, attraktiver Ort sein.

Wird das Thema Smart City zu technologisch angegangen?

Faust: Wir haben mit dem Begriff Smart City eine ziemlich festgelegte Begrifflichkeit. Für viele Städte ist das auch ein Label und hat immer etwas mit der „Technik einer Stadt“ zu tun.
Wir haben in diesem Zusammenhang einmal experimentiert und versucht zu kommunizieren, was der Begriff „Smart Scapes“ (übersetzt: smarte Landschaften) denn heißen würde. Da stellte sich heraus, dass es hier in gewisser Weise eine techno-
logische Linie gibt, bei der Licht eine sehr wichtige Rolle spielt. Aber auch Wasser und alle anderen Ressourcen, die damit zu tun haben. Es gibt aber auch eine Menge anderer Themen, die wir nicht über das Thema Technik bedienen, die aber trotzdem smart sein können.
Smart müssen wir für die Landschaft anders interpretieren. Smart im Sinne von klug und eben mit der Frage verknüpft: Schöpft der Ort seine Möglichkeiten aus? Für mich heißt das, mit einem sehr kleinen Hebel ein wahnsinnig großes Fenster zu öffnen – das ist smart.

Mit welchen Gestaltungselementen schaffen Sie Wohlempfinden und Atmosphäre?

Faust: Freiräume sind, wie erwähnt, alles außer den dreidimensionalen Gebäuden. Sie sind dabei aber keine gleichbleibende Masse, die durch die Stadt strömt, sondern Freiräume sind sehr divers und so komplex wie die Räume eines Hauses es sind. Freiräume dienen zum Entspannen, zum Treffen und sie dienen zur seelischen Hygiene.
Wie bei jedem Raum eines Hauses kann ich auch für einen Freiraum immer eine Analogie finden und darüber hinaus noch mehr.
Das erste, was man reflektieren muss, ist: Wenn ich eine Stadt vor mir habe ist zunächst die Frage, welche Rolle hat eigentlich der Raum in der Stadt als Ganzes?
Ist das eher einer, um Ruhe zu haben, um Stille zu erleben oder ist es einer der vollkommen uneffektiv, geradezu anti-effektiv sein soll? Ist das ein Hochleistungs-Ort mitten in der Stadt, der viele Autos, viel Verkehr, viele Passanten ertragen muss, der von Läden bespielt wird, quasi dieses Bild der Stadt als immerwährende Bühne aufgreift?
Das ist erstmal eine Grundsatzentscheidung, denn nicht jeder Ort ist gleich und wir brauchen genau diese Vielfalt der Orte.
Wenn wir dann wissen, wo genau im Gefüge der Räume dieser einzelne Ort angeordnet ist, fangen wir an, über dieses Gefüge das „Programm“, den Raum und die Atmosphäre durch ein Wechselspiel in ein Optimum einzupegeln.
Bevor wir über Holz, Stein und Metall reden nähern wir uns der Nutzung. Ist das ein Ort für Jugendliche oder ist das ein Ort für alle? Wie würde das dann aussehen? Oder ist das eher ein Gartenplatz oder ein sehr städtischer, steinerner Raum? Ist das ein Ort, der helfen kann, unser Regenwasserproblem zu lösen oder ein Ort, der ein Reservoir für 50.000 m3 Wasser sein könnte?
Das ist eine große Kette von Fragen. Angefangen von der Programmidee über die Formidee bis hin zur entstehenden Atmosphäre. Das ist eine stete Folge von „Versuch – Irrtum – nächster Schritt“.
Dann stellt sich die Frage: Wie ist der Raum geprägt – harmonisch oder spannend, mit runden oder eckigen Formen? Also welche formale Sprache entspricht diesem Raum und welche Art von Bewegung folgt daraus? Es ist völlig unterschiedlich, ob sich der Mensch auf geraden oder auf gekrümmten Bahnen bewegt. Bewegt er sich langsam oder schnell? Ist der Raum pflanzlich geprägt und hat er Üppig- oder Sprödigkeit?
Zu guter Letzt: Welche Materialität prägt das? Welche Härte, welche Rustikalität oder Glätte hat das? Jetzt kommen wir genau zu den Parametern, die wir aufrufen, um aus einem Raumbild ein gestimmtes Bild zu machen.
Diese Elemente sind es, die die Gestimmtheit und Atmosphäre eines Raums ganz entscheidend beeinflussen.

Als Ort der Begegnung, des Verweilens und der Aktivität müssen Freiräume vielfältige Nutzungsinteressen erfüllen. Wie werden Sie diesen vielfältigen Anforderungen gerecht?

Faust: Ich würde immer versuchen, einen Raum nicht zu überfordern. Wir haben uns mit Floskeln auf einige wiederkehrende Versprechen fokussiert, die wir nicht immer einlösen können. Vitalität zum Beispiel. Ich kann nicht an jedem Platz einer Stadt sagen, das ist ein quirliger, lebendiger Platz.
Multifunktionalität ist ein wesentlicher Punkt für einen Freiraum. Je zentraler und vitaler ein Platz ist, umso mehr Funktionen muss er in sich aufnehmen.
Das Erste, wofür ich plädiere, ist: Lasst uns Vitalität und Urbanität auf solche Orte konzentrieren, die das auch haben. Jan Gehl hat einmal gesagt: Urbanität ist ein scheues Reh. Wir haben in neuen Stadtquartieren eher das Problem, diese urbane Dichte – wie sie in gewachsenen Altstädten relativ selbstverständlich ist – überhaupt zu erzeugen.
Damit habe ich kein Problem. Ich glaube, es gibt diese Medium-Plätze, die durchaus eine verträumte und grüne Qualität haben können. Wir haben noch andere Plätze als den zentralen, multifunktionalen Hotspot, der alles können muss.
Mir ist das deshalb so wichtig, weil wir unser Verständnis von Urbanität auf den Prüfstand stellen müssen. Vor ein paar Jahren wurde vermittelt: Wir planen eine Stadt, in der Mitte ist ein Platz, dieser Platz ist urban und urban ist steinern.
Mit dieser scheinbaren Kausal-Kette haben wir jetzt Schwierigkeiten, weil diese Orte teilweise ihre Versprechen gar nicht eingelöst haben. In neuen Stadtvierteln ist es sehr schwer, vitale Orte zu schaffen.
Zum anderen haben wir in der aktuellen Klimadiskussion ganz einfach die Anforderung, nicht so viele Flächen zu versiegeln. Wir dürfen diese Flächen nicht automatisch als „harte“ Stadtflächen ansprechen. Das sind eigentlich Flächen, die grün sein und grün bleiben müssen. Hier müssen wir wieder differenziertere Stadtraumqualitäten ansprechen.
Der dichteste Raum, der in einer Stadt wirklich gebraucht wird, ist derjenige, der so viele Querungsbeziehungen über sich ergehen lassen muss, dass es kein Grün geben kann. Wir wollen an diesen Orten in der Regel viel Verkehr abwickeln, die Plätze aber nicht mehr als Verkehrsplätze wirken lassen, sondern eben als Lebensräume.
Das führt zu dieser Idee, die sich in Deutschland immer erfolgreicher durchsetzt: Den verkehrsberuhigten Bereich auch in der Innenstadt zu schaffen und nicht nur in den Wohnstraßen. Daher sollten wir unsere Stadtplätze immer mehr als offene Spiel-
felder sehen, über die wir Verkehr eher beiläufig abwickeln. In erster Linie geht es um das Erfahren und das Nutzen von Raum durch den Menschen.
Wir stellen immer wieder fest: In diesen Räumen ist gestalterische Zurückhaltung notwendig und wichtig, weil wir dadurch den Orten Raum für ihr Programm lassen. Programm heißt in diesem Fall: Wochenmärkte, Feste, die Bespielung von außen, die das Erleben dieser Plätze als Begegnungsraum der Gemeinschaft ermöglicht. Hier sind wir mit einem gewissen gestalterischen Minimalismus gut aufgehoben.

Stichwort „Nutzung“. Welche Rolle wird dabei dem Einsatz von Mobiliar zuteil?

Faust: Mobiliar spielt auf sehr unterschiedliche Weise eine Rolle. Bei Verkehrsschildern, Abfallbehältern und Infosystemen bin ich in einem Dilemma: Einerseits sollen sie den Raum nicht dominieren und auch nicht gestalterisch prägen, andererseits sollen sie aber sichtbar sein, da sie sonst keinen Sinn ergeben. Das heißt, man versucht, es auszuhandeln.
Gerade in den dienenden Möbelsystemen haben wir uns für eine radikale Zurückhaltung entschieden. Das gilt jedoch nicht für die Sitzmöbel, da das Sitzen für uns eine mehr oder weniger aktive menschliche Tätigkeit ist, die Ausdruck finden kann in der Form der Möbel.
Eine Bank ist für uns eine Form, einen Platz zu benutzen. Sie ist ein Grund, auf dem Platz zu bleiben. Und das unterscheidet die Bank von einem Abfallbehälter. Dieser wird auch genutzt, aber eher beiläufig.
Eine Bank ist ein im steten Wandel befindliches Möbel. Es gibt scheinbar festgelegte geometrische Regeln, wann eine Bank bequem ist. Und jeder Stadtvater wird sagen: Eine Bank muss in erster Linie bequem sein. Doch auch das Sitzempfinden ändert sich. Bis vor einigen Jahren hätte ich gesagt: Eine Bank hat einen bestimmten Sitz- und Neigungswinkel, ein bestimmtes Verhältnis von Höhe der Lehne zur Länge der Sitzfläche. Das wird sich nie ganz ändern, aber es wird ab und zu anders.
Mit der Verbreitung von Lounge-Möbeln sitzen die Menschen im Freiraum inzwischen anders. Sie sitzen etwas tiefer und mit einer eher liegenden statt aufrechten Körperhaltung. Gleichzeitig gibt es die Anforderung für ältere Menschen, höher zu sitzen, um besser aufstehen zu können.
Es gibt folglich viele Arten, wie man dem Motiv des Sitzens eine Form abgewinnen kann. Nebenbei finden wir, dass eine Bank der gestalteten Atmosphäre eines Raums gerecht werden muss.
Sie gehört einfach zum Kanon dessen, was bewusst gesehen wird und was die Ausstrahlung dieses Platzes mitbestimmt. Deswegen ist eine Bank mit ihrer Materialität und Geometrie ein wesentliches Gestaltungsthema.

Wie sollte das Mobiliar beschaffen sein, damit es einerseits den Nutzen erfüllt, andererseits sich in das gestalterische Konzept einfügt?

Faust: Hier kommen wir über die Funktion oder über das Programm – wobei beide Begriffe für mich in diesem Zusammenhang identisch sind – zu einer passenden Form.
Eine Bank ist ein wunderbares Beispiel für dieses Wechselspiel aus Programm, Form (Form steht hier für Raumgestaltung und wie es im Raum steht) und Atmosphäre. Schließlich tragen die Menschen auch durch ihre Art des Sitzens zum Charakter eines Ortes bei. Und es ist ein schönes Beispiel, wie man das mit einem Objekt noch fördern kann.
Dazu gehört aber auch das Wechselspiel mit anderen Komponenten: wie steht die Bank unter dem Baum und wie orientiert sich dieses Möbel an der Raumspannung dieses Ortes?

Wie sorgen Sie speziell in den Abend und Nachtstunden für Wohlempfinden und Atmosphäre?

Faust: Wir versuchen auch da, ein differenziertes Bild zu finden, denn es gibt Orte der Dunkelheit und Orte des Lichts. Wir haben zu tun mit Orten, die mit Licht verschmutzt sind und eine gewisse Beruhigung erfordern.
Wir haben es aber auch mit Orten zu tun, die gar nicht genug Licht haben können. Der Times Square beispielsweise wäre ohne Licht nicht der Ort, der er legendärer Weise ist.
Wir beschäftigen uns mit der Frage, mit wie wenig Licht, sprich Helligkeit, man auskommen kann. Wir denken inszenatorisch – dabei spielt die Lichtfarbe eine Rolle und auch der Unterschied zwischen dem Licht als Orientierungs- und Ausleuchtungs-
medium und dem inszenatorischen Medium.
Schöne Orte haben immer auch schöne Kulissen und diese sind das Highlight. Der Raum ist kein Objekt und so ist die Arbeit, die wir mit den Kulissen haben, das Bestimmende.
Wir gehen relativ sparsam um mit Licht. Denn es ist gerade in dicht besiedelten Räumen eine enorme Herausforderung, den Himmel sichtbar zu lassen. Daher liegt uns der sorgsame Einsatz von Licht sehr am Herzen.

Welchen Stellenwert nimmt bei Ihnen bzw. in Ihren Projekten die Gestaltung mit Licht ein?

Faust: Für uns ist Licht nicht unbedingt das zentrale Gestaltungsthema – aber wenn wir es projektspezifisch als ein solches identifizieren, dann holen wir uns Unterstützung. Ich habe großen Respekt vor Lichtprofis. Dann entwickeln wir gemeinsam eine Art „Licht-Leitbild“ für die Inszenierung des Raumbildes.

Neben der reinen Grundbeleuchtung wird Licht verstärkt zur Illuminierung von stadt- und raumprägenden Besonderheiten genutzt. Wie setzen Sie Licht in Ihren Arbeiten ein?

Faust: Der Raum ist für uns ein Medium, das von seinen Grenzen bestimmt wird. Daher ist die Gestaltung der Kulissen, wie erwähnt, für uns das zentrale Thema. Ein wichtiger innerstädtischer historischer Raum erfordert das einfach und darf es auch haben.
Hier gestalten wir das Raumbild in der Nacht – durch Licht als Reflexion an der Fassade. Auch unter Marketing-Gesichts-
punkten würde ich dafür sorgen, dass der Freiraum in den Nachtstunden ein frequentierter Raum ist.

Jede Leuchte besitzt auch am Tag eine entsprechende Wirkung. Welche Rolle spielt bei Ihnen diese Tagwirkung?

Faust: Ein Objekt, das zwischen fünf und vielleicht zwölf Meter hoch ist, kann man nicht ignorieren. Manchmal stören Leuchten – in einem Park zum Beispiel möchte ich sie nicht unbedingt sehen. In anderen Räumen bzw. Situationen ist eine Leuchte jedoch sowohl bei Nacht als auch am Tag ein durchaus schmückendes Element. Für uns sind Leuchten dienende und minimalistische Objekte. Minimalistisch heißt aber nicht, dass sie optisch nicht in Erscheinung treten.
Jede Leuchte und jede Gruppe von Leuchten hat eine räumliche Wirkung. Nicht raummachend wie eine Hauswand, sondern raum-gliedernd. Eine Reihe von zehn Leuchten an der Platzkante ist eine Kante vor der Kante. Das ist etwas, was mit zu den empfindlichsten Dingen gehört, denn sie machen auch Topographien nachvollziehbar.
Wo man keine klaren Bordkanten und keine klare Verkehrsregelung hat, stellt die Leuchte auch ein Teil des informellen Zeichensystems dar. Eine Leuchte ist ein Raumelement, das man daher auch am Tag sehr bewusst einsetzen kann.

Bilden in Ihren Projekten Leuchten und Mobiliar eine gestalterische Einheit und wie wichtig ist Ihnen die Formgebung einer Leuchte?

Faust: Wir gehen immer dieses Wechselspiel durch: Was ist bezeichnend, signifikant und typisch für den Ort und was ist das Besondere? Und in diesem Kanon muss sich die Leuchte einfügen.
Natürlich korrespondiert die Leuchte mit dem Gesamt-Kanon des Ortes, d.h. wenn ich mich für einen Bronze-Farbton entschieden habe, dann ist die Leuchte ebenfalls bronzefarben. Oder sie geht einher mit den Metallelementen einer Bank
oder anderen dienenden Objekten eines Raums – und passt sich so optisch entsprechend an.
Wir erproben dieses Zusammenspiel vorab in sogenannten „look and feel“-Kästen, um das in einem ersten Schritt zu visualisieren und in einer zweiten Stufe zu bemustern. Die Farbigkeit spielt hier eine sehr wichtige Rolle.
Eine Leuchte ist, wie gesagt, ein wichtiges räumliches Element und zum Teil auch ein Proportionsgeber. Was mir dabei besonders imponiert ist das Konzept der Stelenleuchte. Ihre modulare Bauweise ist für mich Teil einer Ästhetik.
Wir achten sehr darauf, dass die Leuchten keine expressive Gestaltung haben, um nicht von der Zeit überrollt zu werden.
Das ist für uns extrem wichtig, da wir Freiräume mit Pflanzen und Bäumen gestalten, die erst in 20 Jahren richtig wirken. Entsprechend wichtig ist uns daher aber auch die Qualität einer Leuchte – eine zunächst etwas teurere Leuchte zahlt sich – auf die Jahre gesehen – meistens aus.
Das ist für uns auch Teil der Nachhaltigkeit. Wir haben großen Respekt davor, wie viel Zeit Freiräume benötigen, bis sie ihre volle Wirkung entfalten.
Deswegen gehen wir auch bei den Materialien zu einer extremen Langlebigkeit über, z.B. bevorzugen wir den nahezu unzerstörbaren Naturstein gegenüber Betonstein.
Wenn ich Nachhaltigkeitskriterien durchgehe, kann ich begründen, dass ein Material in der Anfangsinvestition zwar teurer ist, dafür aber in der Zeitlosigkeit, und hier bezogen auf den Stein auch in der Wiederverwertbarkeit und auch in der Regionalität große Vorteile bietet, so dass sich die Kosten von zum Teil bis zu 70 Prozent mehr ganz klar lohnen – und die Kunden akzeptieren dies auch wieder zunehmend.

Welchen Beitrag leisten multifunktionale Leuchten in punkto zusätzlicher Funktionen des Raumes?

Faust: In der Freiraumgestaltung einer smarten Stadt haben wir uns mit einer Vielzahl an Anforderungen auseinander-
zusetzen. Es gibt viele zu erfüllende Erwartungen, die alle mit irgendwelchen Objekten versehen sind. Daher erhoffe ich mir von diesen Leuchten sehr viel.
Multifunktionale Lichtsysteme helfen uns, viele dieser Anforderungen mit nur einer Quelle lösen zu können – das ist ein Gewinn und für uns ein sehr wichtiges Überzeugungsmotiv. Diese Leuchten sind eben im Hinblick auf ihre Universalität „smart“.
Beispiel Elektromobilität. Klar, wir wünschen uns einen höheren Anteil von elektrisch betriebenen Fahrzeugen. Wenn ich mir dabei jedoch vorstelle, was das für die Möblierung unserer Städte heißt, nämlich viele unschöne Ladekästen, stelle ich mir schon die Frage, ob man das an das Netz der Stadtbeleuchtung anschließen kann. Kann ich die Leuchten hierfür aktivieren? Ich bitte darum!
Auch die Aktivierung der Leuchte als WLAN-Medium deckt sich völlig mit unserem Wunsch, einen Freiraum für alle – auch für diejenigen, die sich gerne im virtuellen Raum befinden – zu aktivieren und als attraktive Räume nutzbar zu machen. Und wenn das ohne irgendwelche skurrilen Anbauten hingebracht wird, sehr schön.
Vielen Dank für das Interview, Herr Faust.

SINAI Gesellschaft von Landschaftsarchitekten mbH

Das Planungsbüro sinai Gesellschaft von Landschaftsarchitekten mbH plant und entwickelt Freiräume und ist auf allen Handlungsfeldern zeitgenössischer Landschaftsarchitektur tätig. sinai wurde im Januar 2006 als Büro für Freiraumplanung und Projektsteuerung neu initiiert. Die Gründer AW Faust, Klaus Schroll und Bernhard Schwarz kennen sich seit vielen Jahren und hatten davor in unterschiedlichen Konstellationen immer wieder zusammengearbeitet. Es entstand die Idee, ihre Erfahrungen in der Landschaftsarchitektur zu bündeln und das seit dem Jahr 2001 bestehende Projekt sinai gemeinsam weiter zu entwickeln.
Der Name sinai steht bildhaft für eine Landschaft des bewegten Denkens oder für eine Heimat des Nomadischen im Entwerfen.
Im Mittelpunkt der Arbeit von sinai steht die bewusste Auseinandersetzung mit dem Wechselspiel von Gestalt und Gehalt eines Projektes. sinai steht nicht für einen vordefinierten Entwurfsstil, sondern für einen Prozess des Entwerfens und Entwickelns. Dieser ist geprägt von Neugier, Erfindungsreichtum und ständiger Bewegung. Bewusst werden überdisziplinäre Auseinander-
setzungen gesucht. Erst im so erzeugten Spannungsfeld von planerischem Modell und Gegenmodell lösen sich eingefahrene planerische Reflexe, kristallisiert sich die für jeden Ort eigene und angemessene Lösung heraus.
Derzeit beschäftigt sinai mit Sitz in Berlin etwa 40 Landschaftsarchitekten, Architekten und Ingenieure.
Webseite: www.sinai.de

AW Faust

  • 2006: Gründung SINAI. Faust.Schroll.Schwarz. GmbH
  • 2001: Gründung sinai.exteriors
  • 1998 – 2004: Projekt- und Entwurfsleitung Landschaft Planen & Bauen, Berlin
  • seit 1994: Freie Mitarbeit in verschiedenen Planungsbüros
  • 1989 – 1994: Studium TFH Berlin (Landespflege)
  • 1988 – 1989: Studium LM Universität München (Philosophie)
  • 1985 – 1987: Tätigkeit als Gärtnergehilfe
  • 1983 – 1985: Ausbildung Baumschule Wörlein, Dießen am Ammersee