Teil 2 unserer Titelreihe
„Menschen - Räume - Emotionen“

Urbane öffentliche Räume

Der öffentliche Raum steht im Fokus unserer 4teiligen Titelreihe „Menschen - Räume - Emotionen“. Nach einer allgemeinen Betrachtung in der ersten Ausgabe unseres quartalsweise erscheinenden Lightletters, in der wir mit Prof. Dr. Tobias Wallisser von LAVA Laboratory for Visionary Architecture sowie der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart über die Wichtigkeit von Außenräumen gesprochen haben, richten wir unser Augenmerk nun auf die urbanen öffentlichen Räume.

Trend zum urbanen Wohnumfeld seit Jahren stark ausgeprägt

Lebensqualität und Wohlfühlatmosphäre

Ein städtisches Lebens- und Wohnumfeld gewinnt zunehmend an Attraktivität. Zog es vor wenigen Jahren viele Menschen noch ins ländliche Umland, hat sich diese Entwicklung inzwischen grundlegend verändert. „Der Trend „zurück in die Städte“ – und hier vor allem auch in die Innenstädte – ist seit Jahren stark ausgeprägt“, stellt der Wohnmarktreport Deutschland 2016, herausgegeben vom Wohnungsunternehmen Vonovia und Immobiliendienstleister CBRE, fest.
Die Anziehungskraft von Städten wächst. Sie bilden zunehmend den Lebensmittelpunkt für Menschen unterschiedlichster Altersstrukturen, Kulturen und Interessen. Kurze Wege zwischen Wohnen, Arbeit und Freizeit durch gut ausgebaute Verkehrsver- und -anbindungen, ein breites kulturelles Angebot und nicht zuletzt ansprechende öffentliche Freiräume als Orte der Kommunikation, Interaktion und Entfaltung gehören zu den entscheidenden Attraktivitätsfaktoren – und tragen maßgeblich zu einer hohen Lebensqualität und einem hohen Wohlfühlfaktor bei.

Schauplätze des öffentlichen Lebens

„Wo gegangen, geredet, gestoppt, geschaut, gesessen und gespielt wird, dort ist eine Stadt lebendig.“
Jan Gehl, dänischer Architekt und einer der einflussreichsten Stadtplaner der Welt.

Straßen, Plätze, Parks und Fußgängerbereiche prägen als wesentliche Elemente der städtebaulichen Struktur das Gesicht einer Stadt und Gemeinde. Hier findet öffentliches Leben statt, hier treffen unterschiedliche Nutzungsanforderungen aufeinander – Verkehr, Konsum, Aufenthalt, Erholung, Unterhaltung.
Gerade im Alltag erfahren diese Räume einen hohen Zuspruch durch die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten – ob zum Flanieren, zum Zurücklehnen und Beobachten, zum Ausspannen nach getaner Arbeit, einem ausgiebigen Einkaufsbummel oder zum gemütlichen Beisammensitzen mit Freunden am Abend. Sie offenbaren sich als Orte, in denen das Miteinander intensiv gelebt und erlebt wird.
Zusätzlich bilden diese Räume mehr und mehr auch den Rahmen eines gemeinsamen Miteinanders bei Großereignissen – und werden so verstärkt zur Bühne für soziale, kulturelle und sportliche Events: beispielsweise als Public-Viewing-Schauplätze im Rahmen einer Fußball-Weltmeisterschaft oder als Veranstaltungsorte für Konzerte. Durch diese vielschichtigen Ansprüche an öffentliche Freiräume kommt ihrer durchdachten und funktionalen Planung und attraktiven Gestaltung eine immer größere Bedeutung zu.

Öffentlicher Raum: Wichtiges Handlungsfeld für das Stadtmarketing

„Der öffentliche Raum soll das Wohnzimmer der Stadt werden.“ Jan Gehl

Viele Städte und Gemeinden haben den öffentlichen Raum als wesentliche Säule einer nachhaltigen Entwicklung bereits erkannt. Denn im anhaltenden Wettbewerb untereinander um Einwohner und Unternehmen spielt er für die Außenwirkung und das Image einer Stadt eine wichtige Rolle.
„Der öffentliche Raum wird als zentraler Ort der Identifikation, der Repräsentation und der Begegnung begriffen“, lautet das Ergebnis der Studie „Die Innenstadt und ihre öffentlichen Räume – Erkenntnisse aus Klein- und Mittelstädten“ des Bundesinstituts für Bau, Stadt und Raumforschung (BBSR) aus dem Jahr 2015.
Mit Projektberichten gelungener Gestaltungskonzepte aus 12 Kommunen mit einer Größe zwischen 10.000 und 100.000 Einwohnern gibt sie Aufschluss über Erfolg versprechende kommunale Strategien zur Steuerung der Gestaltung und Nutzung innerstädtischer Räume. Sie können Anregungen für eigene individuelle Freiraumkonzepte liefern. Von der Belebung und Aufwertung dieser Standorte profitieren langfristig nicht nur die Nutzer, sondern die Städte und Gemeinden selbst – denn hochwertig gestaltete Freiräume in ihren vielfältigen Ausprägungen fördern Austausch und Begegnung, sind Ausdruck einer lebendigen Gesellschaft sowie einer ausgesprochen lebenswerten Stadt und Gemeinde.
Bild 1: Grüne Ruhe- und Erholungszonen bieten Gelegenheit zum Ausspannen. (Bild: HafenCity Hamburg GmbH/ ELBE&FLUT)
Bild 2: Radfahren, Spazieren oder im Café die Zeit geniessen – vielfältige Möglichkeiten gestalten das Leben und die Freizeit abwechslungsreich. (Bild: Fotolia/ArTo)
Bild 3: Podeste als Sitz- und Aufenthaltsflächen zwischen altem Baumbestand, ein Wasserspiel sowie eine große Freifläche in der Platzmitte bieten vielseitige Nutzungsmöglichkeiten. (Bild: Garten- und Tiefbauamt Freiburg/Agentur GD90)
Bild 4: Mit Einbruch der Dunkelheit bringt eine durchdachte Beleuchtung öffentliche Bereiche buchstäblich zum Strahlen. (Bild: Fotolia/eyetronic)

Experten-Interview

Prof. Hinnerk Wehberg und Wolfgang Betz

Über die Wichtigkeit und den Stellenwert urbaner öffentlicher Räume haben wir mit Prof. Hinnerk Wehberg (links) und Wolfgang Betz von WES LandschaftsArchitektur in Hamburg gesprochen.  

Wenn von urbanen öffentlichen Bereichen die Rede ist, welche konkreten Räume sind dann gemeint?

Wehberg: Dazu möchte ich eigentlich nur einen Satz sagen: Überall, wo keine Gebäude stehen und was öffentlich zugänglich ist, ist öffentlicher Raum. Es gibt aber auch den sogenannten „Nolli-Plan“ von Gianbattista Nolli aus dem Jahr 1748 für die Stadt Rom, der neben Plätzen und Straßen auch die Kirchen und Innenhöfe dem öffentlichen Raum zuordnet.

Warum sind öffentliche Außenräume für eine Stadt so wichtig?

Betz: Öffentliche Räume sind das Kommunikationszentrum der Gesellschaft. Dort findet Gesellschaft statt. Sie symbolisieren das Verständnis der Städte und zeigen den eigenen Anspruch einer Stadt, auch wie man mit der Gesellschaft umgeht. Wenn wir über öffentliche Räume sprechen, dann müssen wir über das Thema „Wahrnehmung“ und über „positive Atmosphäre“ sprechen.
Wehberg: Der Architekt und Stadtplaner Walter Ackers schreibt, öffentliche Räume sind die „Agora“ (im Sinne von Versammlungsorte) der Gesellschaft. Ackers spricht vom „Geschenk des Ansehens“ im öffentlichen Raum durch den Kontakt mit anderen Menschen. Ein weiterer Ausdruck von ihm lautet: „Der öffentliche Raum ist gebaute Umgangsform“. Das, was eine Stadt von sich hält, ist am öffentlichen Raum ablesbar. Und das ist doch wichtig genug, oder?

In wie weit kann der öffentliche Raum die Nutzung und das Verhalten in einer Stadt beeinflussen?

Betz: Hierfür gibt es gute Beispiele, so die Meidlinger Hauptstraße in Wien: einen Kilometer lang, eine Geschäftsstraße. Vor dem Wettbewerb gab es eine Sozialraumanalyse, die sehr heterogene Bevölkerungsstrukturen mit völlig unterschiedlichen Wünschen und Ansprüchen festgestellt hat.
Und es gab eine Studie zur Stärkung der Wiener Geschäftsstraße am Beispiel der Meidlinger Hauptstraße, d.h. man wollte den öffentlichen Raum auch als Geschäftsstraße aufwerten. Einerseits ist sie Fußgängerzone und gleichzeitig auch Aufenthaltsraum für die Bevölkerung: „Der öffentliche Raum als Wohnzimmer“.
Wehberg: Ich hatte vor geraumer Zeit den Stadtplanungsamtschef von Sydney zu Besuch. Er berichtete darüber, wie die „Olympiade Sydney“ das Verhalten der Menschen verändert hat. Im Bewußtsein, dass viele Europäer kommen, die gerne draußen, quasi auf der Straße sitzen, hat man die Straßen aufgewertet, den Verkehr zurückgenommen und sehr viele Cafés und Restaurants angesiedelt. Seit dieser Zeit verhalten sich die Menschen in Sydney anders, man lebt jetzt auch auf der Straße.

Wien und Sydney sind große Städte. Liegen Unterschiede darin, ob es sich um eine
eher große oder kleine Stadt handelt?

Wehberg: Wir arbeiten gerade an einem Projekt für Neumünster. Eine kleinere Stadt, die versucht, ihre Mitte umfassend aufzuwerten. Öffentliche Räume sind – unabhängig von der Größe einer Stadt – für die Atmosphäre eines Ortes unheimlich wichtig.
Betz: Die Bedeutung von öffentlichen Räumen ist – losgelöst von der Größe – sicherlich gleich, doch es gibt Unterschiede in Bezug auf deren Entwicklung. In kleineren Städten sind öffentliche Räume oft gepflegter als in Großstädten. In kleineren Städten funktioniert die Gemeinschaft, die Gesellschaft, anders. Hier sind es häufig beschaulichere Plätze oder zentrale Stadträume, die besser funktionieren.

Wie wichtig ist für den öffentlichen Raum der Bezug zur Vergangenheit?

Betz: Der historische Bezug ist immens wichtig. Wir analysieren grundsätzlich den Ort, bevor wir beginnen, darüber nachzudenken. Bei jeder städtebaulichen Entwicklung, insbesondere in den historisch gewachsenen Städten, gibt es Bezüge zur Geschichte. Sie zu erhalten und zu zeigen ist immer das Ergebnis der Abwägungen im Rahmen des Konzeptes.
Wehberg: Es macht auch sehr viel mehr Spaß, wenn man über einen Platz eine Geschichte erzählen kann. Es gibt in Hamburg den Gänsemarkt, bei uns im Büro hieß er jedoch Lessingplatz. Aus folgendem Grund: Lessing hat lange Zeit an einem Theater an diesem Gänsemarkt gearbeitet und das war seine wichtigste Zeit. Dann hat er sich mit der Stadt angelegt und ist von Hamburg nach Wolfenbüttel gezogen, wo er sein Hauptwerk „Nathan der Weise“ verfasst hat.
In dem Stück ist der Toleranzgedanke das Leitmotiv. Deshalb haben wir im Zuge der Neugestaltung gesagt, der Gänsemarkt ist der „Platz der Toleranz“ und wir rücken ihn aus der Mitte – wie einen „Stolperstein“ – in die Hauptachse von Gänsemarkt und Rathausmarkt, so dass man über ihn stolpern muss. Die große Linde haben wir gezielt in die obere Ecke des Platzes und in die Achse der ABC-Straße gepflanzt – mit einem Holzpodest als Rednerpult, das war für uns „Speakers Corner“. Noch heute geht das Thalia-Theater zum Gänsemarkt, alias Lessingplatz, um von dort die Stadtführung in Erinnerung an Lessing zu starten. Es ist genau diese Geschichte, die den Platz so besonders macht.
Betz: An dieser Stelle muss man den Begriff „Historie“ noch ausweiten, es geht schließlich um Inhalte. Historie oder Geschichte sind sehr allgemeine Begriffe. Wichtig sind die besonderen Inhalte, wie in unserem Fall die Figur Lessings, die dahinter stehende Philosophie, das hat mit  Kulturgeschichte und mit Geisteshaltung zu tun. Und so gibt es bei vielen Projekten historische Bezüge und Inhalte, die eine wesentliche Rolle spielen.

Sehen Sie Veränderungen bei der Wahrnehmung öffentlicher Räume ?

Betz: Ja, auf alle Fälle. Man hat in den vergangenen 20 Jahren begonnen, den Wert der öffentlichen Räume völlig neu einzuschätzen. Die Qualität der Räume hat auch etwas mit der Bevölkerung, mit der Struktur und mit dem Verständnis zu tun. Man kann das auch auf einen Nenner bringen: Wenn öffentliche Räume verwahrlost sind, dann geht man genauso damit um. Werden sie jedoch aufgewertet, leisten sie einen positiven Beitrag für die Gesellschaft, für die Kommunikation, für Sicherheit und Aufenthaltsqualität.
Wehberg: Ich finde, dass die bereits getätigte Aussage „Der öffentliche Raum ist gebaute Umgangsform“ den neuen Stellenwert von öffentlichen Räumen sehr deutlich umschreibt.

Sind bei öffentlichen Räumen bestimmte Entwicklungen festzustellen?

Betz: Beispiel Hamburg. Vor 20 Jahren gab es viele heruntergekommene Räume, die nicht ernst genommen wurden. Trotz bester Lage wurden sie wie Restflächen behandelt. Über Jahrzehnte hinweg wurde Stadt- und Freiraumplanung nur nach Verkehr betrieben – der Verkehr hat den Raum bestimmt. Völlig unsinnig eigentlich, da die Struktur dann nichts mehr mit dem Städtebau zu tun hat. Hier hat ein völlig neues Denken eingesetzt.
Wehberg: Für die HafenCity in Hamburg gab es einen Freiraumwettbewerb, über dessen für eine „nordische Stadt“ wie Hamburg verspielten und mediterran anmutenden Gewinnerentwurf sich viele gewundert haben. Wir haben später bemerkt, was das bewirkt hat. Zu einem Zeitpunkt, als – mit Ausnahme des SAP-Gebäudes – noch gar keine Häuser standen, sind die Menschen in Scharen in die HafenCity gelaufen, um sich die merkwürdigen Außenanlagen anzuschauen. Sie waren plötzlich der Anziehungspunkt schlechthin.
Dann kamen noch Wünsche der Öffentlichkeit – insbesondere nach mehr Grün und Bäumen – am Hafen nicht gerade das Natürlichste. Doch Hamburgs Oberbaudirektor Prof. Jörn Walter hat sich sehr dafür eingesetzt und einen Riesenerfolg erzielt – die Stadt war Thema. Und das im positiven Sinne.

Welche Qualitätskriterien zeichnen attraktive öffentliche Bereiche aus?

Wehberg: Es gab mal einen Artikel von einem Kritiker über Städtebau, der provokativ sagte, dass man eigentlich weiß, wie Städte gebaut werden müssen. Die, die funktionieren, baut man einfach nach. Nimmt man Kopenhagen als Beispiel, so geht der Stadtplan gar auf das Mittelalter zurück.
Das Besondere daran ist, dass Kopenhagen keine neue Straßen gebaut, sondern bestehende Straßen zurückgebaut und damit den Verkehr kräftig herausgenommen hat. Fußgängerzonen wurden hingegen erweitert. Kopenhagen ist heute neben Amsterdam die Stadt mit den meisten Radfahrern und einem bewegten Stadtleben.
Betz: Man könnte reduziert sagen: Die Logik der Einfachheit. Man kann aber auch Qualitätskriterien aufzählen: öffentlicher Raum muss Ruhe ausstrahlen, er muss in gewisser Weise zurückhaltend sein, er muss Identität bieten, er muss positive Atmosphäre ausstrahlen. Darüber hinaus spielen auch die Themen Sicherheit und Geborgenheit eine Rolle.
Es darf sich kein Angstgefühl einstellen. Das hat auch etwas mit dem Thema Licht zu tun, oder mit nicht einsehbaren Ecken oder komischen Strukturen. Ein Raum sollte überschaubar sein und man muss sich durch Öffentlichkeit sicher fühlen.

Apropos Licht. Wie wichtig ist Licht für Sie als gestalterisches Element?

Wehberg: Für mein Befinden gibt es häufig viel zu viel Licht, d.h. es gilt gut zu überlegen, wofür und wie viel Licht eingesetzt werden soll. Und der Wunsch nach Licht, teils auch nach Inszenierung, ist je nach Region ganz unterschiedlich ausgeprägt.
Betz: Licht spielt für die Projekte eine ganz wichtige Rolle. Es ist aber immer eine Frage der Strategie, also wie geht man mit Licht um, wie bindet man das Licht in ein Projekt ein. Wir arbeiten in der Regel über Inhalte, arbeiten aus dem Ort heraus und versuchen, mit einer Logik in die Projekte zu gehen.
Dadurch werden Projekte selbsterklärend. Und das Licht muss im Grunde, wie jedes andere Element oder Material, das verwendet wird, Teil des Gesamtkonzepts sein und dieser Philosophie folgen.

Spielen „multifunktionale Leuchten“ in Ihren Überlegungen eine Rolle?

Betz: Ja, durchaus. Je mehr Funktionen in eine Installation integriert werden können, umso besser ist es natürlich, da der Bereich hierdurch ruhig und aufgeräumt wirkt. Auch die Möglichkeit, das Licht in verschiedene Richtungen zu bringen, mit unterschiedlichen Winkeln zu arbeiten, kann von wesentlicher Bedeutung sein.

Können Sie ein Paradebeispiel für einen attraktiven öffentlichen Bereich nennen?

Betz: Da gibt es natürlich viele. Sehr schön ist der Markusplatz in Venedig. Es gibt einen sehr guten Städtebau, das Wasser, die Fassaden – und man hat mit den Geschäften und Cafés die Nutzung über die Erdgeschosszonen. Ansonsten ist der Platz leer, es gibt keinen Schnickschnack, es gibt nichts Überflüssiges und trotzdem ist alles da, was man braucht …
Wehberg: … und spannend ist, dass der Markusplatz das Vorbild für den Hamburger Rathausmarkt und die Verbindung vom Rathausmarkt zur Binnenalster ist. Es ist genau der gleiche Aufbau.

Welche Bedeutung hat der öffentliche Raum für die Stadtentwicklung?

Betz: Ich würde gerne kurz in die Vergangenheit blicken. Der öffentliche Raum spielte immer eine wichtige Rolle für die Stadtentwicklung. Von Hippodamos von Milet (griechischer Städteplaner der Antike) gibt es den berühmten Stadtplan in einer Rasterstruktur mit Baublöcken, in dem schon damals 23 Blöcke für die Nutzung als öffentliche Räume vorgesehen waren – zum Beispiel für Theater, Thermen, Gymnasien, etc. D.h. öffentlicher Raum wurde immer gedacht und hatte immer eine wichtige Funktion für die Gesellschaft und die Kultur.
Wehberg: Das „Viertel Zwei“ ist ein aktuell sehr erfolgreiches Stadtentwicklungsprojekt in Wien. Wir haben für einen Bereich in diesem Quartier zwischen der Messe und dem Fußballstadion Freiräume mit hoher Aufenthaltsqualität und Nutzungsvielfalt – auch zwischen den Gebäuden – gestaltet. Dieses „Vierteil Zwei“ ist gerade durch den öffentlichen Raum, durch die atmosphärischen Bereiche dazwischen, unheimlich beliebt.
Grundsätzlich ist bei Stadtentwicklungsprojekten die Wechselbeziehung zwischen öffentlichem Raum und der Nachbarschaft sowie die Nutzung der Erdgeschosse sehr wichtig. Denn besonders diese Bereiche werden häufig genutzt und wirken zugleich identitätsstiftend.

Verändern sich vor dem Hintergrund der Anforderung nach einer gesteigerten Lebensqualität auch die Gestaltungsanforderungen an urbane Freiräume?

Betz: Es gibt verschiedene Aspekte und Themen, die durchaus kritisch zu sehen sind. Durch die Verdichtung ist beispielsweise das „urban gardening“ in Mode gekommen. Das ist ein Trend, den viele Menschen bedienen. Aber auch da: wenn wir mit Abstand auf Städtebau, Architektur und Freiraum schauen, kommt es mitunter darauf an, Räume selbst zu schützen.Ein ganz schwieriges Thema ist, wie man den Autoverkehr zurücknimmt – und wie sich das Verhältnis zwischen Radfahrern und Fußgängern in einer Stadt gestaltet.
Wehberg: Ja, tun sie. Neben der Gestaltung spielen mittlerweile aber auch Materialien eine wichtige Rolle. So ist man beispielsweise in Kopenhagen gerade dabei, unattraktives Beton-Pflaster auszutauschen und durch Natursteinpflaster zu ersetzen, um ein anderes Qualitätsempfinden und damit auch eine andere Art von Lebensqualität zu erzeugen.
Vielen Dank für das Interview, Herr Prof. Wehberg und Herr Betz.
Bild 1: Nach der Neugestaltung mit hellen Granitplatten, einer „Platanenterasse“ und einem „Linden-Teppich“ wird die Meidlinger Hauptstraße in Wien als einladender Freiraum und attraktive Einkaufsstraße wahrgenommen. (Bild: WES LandschaftsArchitektur; Meidlinger Hauptstraße: Felix Holzapfe)
Bild 2: Der Gänsemarkt im Herzen von Hamburg weist die Form eines Dreiecks auf. (Bild: WES LandschaftsArchitektur)
Bild 3: Grasinseln, Holzdecks und eine herrliche Aussicht auf die Elbe – Die Marco-Polo-Terrassen in der HafenCity Hamburg laden zum Sitzen, Liegen und Verweilen ein.(Bild: HafenCity Hamburg GmbH/ELBE&FLUT)
Bild 4: Vorfahrt für den Radverkehr: 45 Prozent der Bevölkerung pendeln in Kopenhagen mit dem Rad zur Arbeit. (Bild: Dan Race, connel_design)
Bild 5: Der Markusplatz ist der bedeutendste Platz in Venedig und gestalterisches Vorbild für den Hamburger Rathausmarkt. (Bild: istockphoto/ArtMarie)

WES LandschaftsArchitektur

Das Büro WES LandschaftsArchitektur in Hamburg wurde im Jahr 1969 von Hinnerk Wehberg und Gustav Lange als Büro Wehberg-Lange gegründet und ist seitdem an der Realisierung wegweisender und oftmals preisgekrönter Projekte in Deutschland, Europa, im chinesischen sowie arabischen Raum beteiligt.
Die Tätigkeitsschwerpunkte des interdisziplinären Teams von mehr als 40 Mitarbeitern umfassen die Gestaltung von architektonischen Innen- und Außenräumen. Dazu gehören Freiraum- und Objektplanung, Masterpläne, Gutachten und städtebauliche Projekte sowie Kunst am Bau.
WES verfügt neben dem Hauptbüro in Hamburg über Niederlassungen in Oyten, Berlin, Düsseldorf und Shanghai.

Zu den Personen

Wolfgang Betz
seit 2002 Mitglied der Kunstkommission der Freien und Hansestadt Hamburg
seit 1999 Lehrauftrag Freiraumplanung am Fachbereich Architektur der HAWK
(Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst), Hildesheim
seit 1996 Gesellschafter von WES
seit 1992 Freier Garten- und Landschaftsarchitekt
1990 - 1996 Freie Mitarbeit im Büro Wehberg-Lange-Eppinger-Schmidtke
1990 Mitarbeit im Büro Gerhart Teutsch, München
bis 1989 Studium der Landschaftsarchitektur in Weihenstephan; Dipl.-Ing. (FH)
Hinnerk Wehberg
2014 Berater von Zhuhai City (CN)
seit 2007 WES Berater und Repräsentant
seit 2005 Berufung in den Konvent der Baukultur
2005 Verleihung des Sckell-Rings
2002 Emeritierung an der TU Braunschweig
seit 1992 Mitglied der Freien Akademie der Künste
1992 Auszeichnung mit dem Fritz-Schumacher-Preis
1982 - 2002 Professor am Institut für Städtebau und Landschaftsplanung der TU Braunschweig
1975 1985 Mitglied der Kunstkommission der Freien und Hansestadt Hamburg
1969 Bürogründung Wehberg-Lange (heute: WES)
1966 - 1969 Gastdozent für Kunst am Bau an der HfbK (Hochschule für bildende Künste) Bremen
1964 - 1970 Visiting Lecturer am Hornesey College of Fine Art London
seit 1964 Mitglied des Bundes Bildender Künstler
1963 British Council Scolar London
1962 - 1969 Freier Maler und Bildhauer in Hamburg, Realisierung von Kunst am Bau-Projekten; Kunst am Bau und
Kunst im öffentlichen Raum; Kirchenraumgestaltungen
1961 Auszeichnung mit dem Kunstpreis Neues Forum Bremen
1957 - 1962 Studium der Malerei an der HfbK (Hochschule für bildende Künste) Hamburg; Kunsterzieherexamen